Das Finale – Mission completed

Das Finale – Mission completed

Seit Mitte April bin ich zurück in der Schweiz. Mein «Abenteuer Armee» ist vorerst beendet. Nach sechs Monaten Einsatz im Kosovo hat das SWISSCOY Kontingent 49 das Kommando an das Kontingent 50 übergeben. Und ich muss mir wieder jeden Morgen überlegen, was ich anziehen soll.

Letztendlich vergingen die letzten Wochen wie im Flug. Schritt um Schritt haben wir uns auf die Rückkehr vorbereitet. Die ersten Gepäckstücke werden schon lange vor unserer Abreise verladen, die Anfang April eingetroffenen Nachfolgerinnen und Nachfolger in ihre Aufgabengebiete eingewiesen. Dabei fühlt sich alles ein bisschen surreal an – waren wir nicht erst gestern die «Neuen»? Surreal auch, wieviel Material sich in einem halben Jahr in einem Container ansammeln kann. Ich habe tatsächlich zwei Mal komplett Probe gepackt, um sicherzustellen, dass ich alles nach Hause transportieren kann. Neben der offiziellen Ausrüstung, wovon wir das meiste nach dem Einsatz zurückgeben, muss ich mich um einige private Dinge kümmern, die meinen Container wohnlich und den Einsatz ein bisschen bequemer gemacht haben. Der Winter war zum Glück milder als befürchtet, und meine geheizten Skisocken kamen weitaus weniger zum Einsatz, als ich dachte.

Ein paar Einrichtungsgegenstände vererbe ich an die «50er» und viel Material schicke ich mit der Feldpost zurück. Und nicht nur mir geht es so. Kartons in allen Grössen sind in den letzten Tagen im Camp ein gefragtes Gut. Der Feldpöstler ist gefordert, denn gleichzeitig treffen schon die ersten Sendungen des nächsten Kontingents ein. Generell muss ich der Feldpost ein Kränzchen winden, der Transport hat immer sehr gut funktioniert.

Goodbye Kosovo

Es gibt einige «letzte» Male, viele emotionale, lustige und traurige Momente. Bei der sogenannten Medal Parade im Camp bin ich der «Speaker». Das bedeutet, dass ich die Veranstaltung moderiere – auf Englisch, da zahlreiche internationale Gäste aus den truppenstellenden Ländern der KFOR anwesend sind. Mein Stellvertreter ist wie immer für die fotografische Dokumentation zuständig. Die Begleitung solcher Events ist ein Teil unseres Jobs. In dieser Zeremonie erhält jeder Angehörige der Schweizer Armee, der zum ersten Mal einen Einsatz zu Gunsten der Kosovo Force – KFOR geleistet hat und mindestens 30 Tage im Einsatz war, eine Auszeichnung. Auszeichnungen und Memorabilia gibt es tatsächlich einige: Diverse Urkunden, Coins, Holz-Wappen, T-Shirts, Einsatzabzeichen – wahrscheinlich muss ich mir zuhause eine «Wall of Mission» einrichten.

Ein Abschied folgt auf den anderen – von internationalen Kameradinnen und Kameraden, dem Nachfolgekontingent und nicht zuletzt von den «Verlängernden», die einen weiteren Einsatz leisten. Auf dem Rückflug in die Schweiz wird unser Flugzeug kurz vor der Landung von zwei Kampfjets F/A-18 der Schweizer Luftwaffe eskortiert, ein wirklich erhebender Moment!

Bei der feierlichen Übergabe der Einsatzabzeichen vor dem KKL in Luzern stehen wir zwei PIO zum ersten Mal selbst in der Formation. Kurz vorher betreuen wir noch ein TV-Interview – und so landen wir in der letzten Reihe, ganz aussen und gut sichtbar. Stolz verfolgen Angehörige und Bekannte die Zeremonie, die vom Armeespiel musikalisch sehr würdig begleitet wird. Danach heisst es ein letztes Mal: «Sie können verfügen.» Nachdem wir die Uniform (die letzte Ausrüstung, die wir noch besitzen) abgegeben haben, geht es zurück ins Zivile.

Im Rückblick

Mein Stellvertreter und ich konnten multinationale Übungen begleiten, den Kameradinnen und Kameraden bei ihren täglichen Aufgaben über die Schulter schauen und darüber berichten, uns im internationalen Kontext austauschen und die NCC (National Contingent Commander) und den Stab in allen Kommunikationsfragen unterstützen. Neben der Redaktion und Produktion der zweiwöchentlich erscheinenden Truppenzeitschrift CHARLIE BRAVO galt es, Medienbesuche zu organisieren, nationale und internationale Veranstaltungen zu unterstützen und Truppenbesuche zu begleiten. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die interessanten Gesprächspartnerinnen und -partner, unter anderem die Interviews mit dem Chef der Armee und dem Schweizer Botschafter. Der Job war wirklich stets spannend und nie langweilig. Auch an die Sechs-Tage-Woche habe ich mich irgendwann gewöhnt.

Kurz vor der Rückkehr habe ich meine zivile Jobsuche erfolgreich beendet. Nach vielen Bewerbungen, absurden Absagen, Ghosting und ein paar sehr interessanten Gesprächen bin ich zu meinem früheren Arbeitgeber zurückgekehrt, allerdings in einer neuen Funktion und in eine andere Abteilung.

Die nächste Geländekammer

Oder: Der «lange» Weg in die Miliz

Insgesamt habe ich elf der zwölf letzten Monate in der Armee verbracht. Die allgemeine Grundausbildung AGA, der Ausbildungskurs AK und der Einsatz im Ausland gelten als Äquivalent zur Rekrutenschule (RS). Personen wie ich, die vor dem Einsatz keinen Militärdienst absolviert haben, haben danach die Möglichkeit, sich freiwillig in die Miliz einteilen lassen. Das ist aus meiner Sicht die logische Fortsetzung meines Weges, in den ich viel Zeit investiert habe. Und auch die Schweizer Armee hat mit den Ausbildungen einen grossen Aufwand geleistet. Es wäre doch schade, wenn die Fähigkeiten und Erfahrungen verloren gingen! Allerdings gestaltet sich der Prozess zur Einteilung in die Miliz langwieriger, als ich gehofft hatte. Immerhin kann ich mit Stolz verkünden, dass ich laut Brief «in absentia» (ohne persönlichen Termin) vorbehaltslos Militärdienst tauglich bin. Update folgt …

Mein Fazit zum Einsatz

Würde ich es wieder tun? Ja, aber nicht sofort. Eine nahtlose Verlängerung ist für mich keine Option. Die letzten sechs Monate waren eine Reise voller Herausforderungen, spannender Erkenntnisse und unvergesslicher Momente. Aber ich habe doch einiges vermisst: Meinen Partner, meine Familie, meine Freundinnen und Freunde. Und meine Freiheit. Dafür habe ich viele interessante Menschen getroffen – vor allem viele tolle Frauen, ich habe mich selbst besser kennengelernt und einige Dinge wieder mehr schätzen gelernt: Ein Leben in Frieden, die Freiheit jederzeit auf einen Drink in die Stadt zu gehen, meine Wohnung …

Ich schliesse nicht aus, irgendwann noch einmal einen Einsatz zu wagen. Allerdings kommt für mich ausser Presse- und Informationsoffizier eigentlich keine Verwendung in Frage, denn das aus meiner Sicht ist der beste Job der SWISSCOY ;). Und ich danke an dieser Stelle allen Kameradinnen und Kameraden des Kontingents 49, die ihn dazu gemacht haben.

Danke auch an alle, die mein «Abenteuer Armee» auf den verschiedensten Kanälen verfolgt, geliked und kommentiert, meinen Entscheid mitgetragen und Päckchen und Briefe geschickt haben – eure Unterstützung bedeutet mir nach wie vor sehr viel.

Als Fazit kann ich einen Einsatz in der Friedensförderung nur jeder und jedem empfehlen. Es ist eine einzigartige Erfahrung – unabhängig von Alter, Geschlecht oder beruflichem Background.

Vorerst heisst es jedoch für mich: «Meld mi ab!»

6 Gedanken zu „Das Finale – Mission completed

  1. Danke für die vielen spannenden Einblicke! Ich habe deine Berichte immer mit grossem Interesse gelesen. Weiterhin gutes Ankommen zuhause und im neuen Job!

    Herzlich, Ursula

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  2. Hallo Nadine,

    schon komisch wie das Leben so spielt. Damals bin ich einen Tag nach Deinem 17.(?) Geburtstag zu meiner Grundausbildung gefahren.

    Dass Du mal ein Schweizer Kamerad wirst. Wer hätte das gedacht?

    Ich freue mich für Dich, dass Du mit einem guten Gefühl und vielen neuen Erfahrungen aus Deinem Einsatz zurück bist.

    Viel Spaß im neuen Job.

    Herzliche Grüße

    Jürgen

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