Der Alltag – Von Höhen und Tiefen

Der Alltag – Von Höhen und Tiefen

Es ist schön zu sehen, dass mein Blog gelesen wird. Woran ich das merke?

  • Kameradinnen und Kameraden aus den verschiedensten Bereichen fragen mich, wann mit einem neuen Beitrag zu rechnen ist.
  • Frauen melden sich über LinkedIn mit Fragen bei mir, weil sie meinen Blog gelesen haben und sich darin bestätigt fühlen, dass ein Auslandseinsatz eine vielleicht ungewöhnliche, aber wertvolle Erfahrung ist.

Als ich mich mit 45 für einen Eintritt in die Schweizer Armee entschieden habe, war genau das mein Motto: «I don’t care about your normal.» Es ist mir völlig egal, was die anderen zu diesem Schritt sagen, ich habe mir diese Friedensmission in den Kopf gesetzt und werde das durchziehen. Auch wenn es nicht der «normale» Weg ist.

Nicht umsonst waren die Reaktionen aus meinem Umfeld auf meine Pläne sehr unterschiedlich und es wurden sogar Wetten abgeschlossen, ob ich das Ganze wirklich durchhalte. Meine Schulfreundin zum Beispiel war der festen Überzeugung, ich würde spätestens in der zweiten Woche wegen Widerrede aus der allgemeinen Grundausbildung fliegen. Aber ganz im Gegenteil, in meiner Qualifikation stand sogar, und das zum ersten Mal in meinem Leben, ich wäre zu still und solle mehr aus mir herauskommen. So sehr hatte ich mich nämlich zusammengerissen! Normalerweise werde ich eher gebeten, mich etwas mehr im Hintergrund zu halten. 😊

Sugus-Offiziere – oder der «geschenkte» Rang

Für die Funktion Presse- und Informationsoffizier bin ich als Fachoffizier (Fachof) im Rang eines Hauptmanns im Einsatz und auch Teil des Stabes. Den tatsächlichen Rang sieht man unserem Gradabzeichen (Rechteck in Form eines Sugus, eines Schweizer Kaubonbons) nicht an. Angehörige anderer Armeen fragen daher oft nach, was das Zeichen bedeutet. Fachoffiziere übernehmen Offiziersfunktionen, bei denen es wichtiger ist, das notwendige Spezialwissen und Know-how zu besitzen, als eine Offiziersausbildung absolviert zu haben. Im internationalen Kontext ist es für verschiedene Funktionen allerdings wichtig, einen gewissen Rang zu bekleiden, damit auf Augenhöhe diskutiert werden kann. Gerade im Bereich Kommunikation gibt es in der Schweizer Armee zahlreiche Fachoffiziere. Manchmal stösst das bei Offizieren, die den klassischen Weg absolviert haben, auf wenig Gegenliebe. Meine Antwort darauf: «Ich habe im Zivilen abverdient.»

Ich plane daher, mich nach dem Einsatz in der Fachoffiziersgesellschaft der Schweiz zu engagieren, um die Sichtbarkeit und Akzeptanz von Fachofs zu erhöhen.

Generell kennen viele andere truppenstellende Nationen in der KFOR das Schweizer Milizsystem nicht. Die Tatsache, dass wir alle freiwillig hier sind und uns für den Einsatz bewerben müssen, wirkt auf Angehörige von Berufsarmeen eher ungewöhnlich. Einem rumänischen Kameraden erkläre ich eine geschlagene halbe Stunde lang, dass ich tatsächlich erst vor einem Jahr und extra für die Friedensmission in die Armee eingetreten bin. Er kann es trotzdem kaum fassen.

Neues aus der Rubrik «Frauen in der Armee»

Ich bin also Frau, über 45, Quereinsteigerein UND Fachoffizier (und spreche Hochdeutsch). Alles Themen, die für den einen oder anderen Spruch herhalten müssen. In diesem Zusammenhang verliere ich bei einer Übung auf dem Schiessplatz einmal kurz die Contenance. Einige Kameraden vertreten die These, dass Frauen, die die allgemeine Grundausbildung AGA für die Friedensmission gemacht haben, nicht schiessen können. Mein Hinweis, dass es auch unter diesen Kameradinnen extrem gute Schützinnen gibt und das Schiessen wie so vieles Übungssache ist, bleibt ungehört. Gepaart mit der konzentrierten Anspannung, die ich beim Schiessen immer noch habe, platzt mir irgendwann die Hutschnur. Meinen verbalen Ausrutscher kann ich hier leider nicht wiedergeben, es sei nur so viel verraten: Der Wortlaut erinnert stark an einen bekannten Liedtext der deutschen Band «Grosstadtgeflüster», Peinlich berührt entschuldige ich mich wenig später bei den Anwesenden. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass mir der Ausraster scheinbar mehr Respekt eingebracht als meinem Image geschadet hat.

Jobsuche oder «wieder auf dem Markt»

Die ersten Bewerbungen sind draussen. Ein bisschen fühlt es sich an wie Dating für Ü-40: Man weiss vielleicht noch nicht so ganz genau was man will, aber ziemlich genau was man auf keinen Fall mehr will. Neben Einladungen zu ersten Gesprächen und den üblichen Standardabsagen erhalte ich auch die schlechteste Absage, die ich je gelesen habe. Ich schätze die Vorlage kommt von ChatGPT und sollte eigentlich nett gemeint sein (Kompliment! Du hast schon viel erreicht … aber für diese Stelle reicht es leider nicht.). Dieses Unternehmen hätte aus meiner Sicht nicht nur eine Leiterin Unternehmenskommunikation gebraucht, sondern auch Unterstützung im Bereich HR. Nachdem ich mich wieder beruhigt habe, erinnert mich das Ganze eher an TV-Trash-Sendungen wie Germany’s Next Topmodel oder den Bachelor. Apropos ChatGPT. Dass Unternehmen seit der zunehmenden Verbreitung von AI tatsächlich noch auf klassische Motivationsschreiben setzen, bleibt mir ein Rätsel. Löbliche Ausnahmen beschränken sich auf ein paar einfache Fragen im Bewerbungsprozess.

Rück- und Ausblick

Im Eirm (Einsatzraum) sind die Vorbereitungen auf den Endspurt in vollem Gange. Das sogenannte Bergfest zur Einsatz-Mitte ist vorbei, die Torten verspiesen. Unsere Nachfolgerinnen und Nachfolger waren schon für die erste Einführung vor Ort – ein klares Zeichen, dass wir auf die Abschlussarbeiten und die Übergabe an das SWISSCOY Kontingent 50 zusteuern. Die Truppenzeitung CHARLIE BRAVO, die mein Stellvertreter und ich alle zwei Wochen herausbringen, ist bei Ausgabe zehn von insgesamt zwölf. Das ist unsere interne Zeitrechnung im Büro, «noch ein CHARLIE BRAVO, in zwei CHARLIE BRAVO …».

Fachof Seitz widmet sich jetzt wieder den anstehenden Aufgaben, denn in 0,25 CHARLIE BRAVO beginnen meine Ferien und ich freue mich auf den «Heimaturlaub» in der Schweiz.

8 Gedanken zu „Der Alltag – Von Höhen und Tiefen

    1. Liebe Aisha

      Du hast es sehr gut formuliert. Es gibt bei uns noch Verbesserungspotential bei der Förderung von Frauen in der Armee. Du bist ein Vorbild für das typische Milizsystem in der Schweiz.

      In den Ost-Ländern ist der Ausdruck Miliz als Polizeitruppe eher negativ besetzt.

      Sogar Google weiss unsere Version zu schätzen.

      Der Begriff “Miliz” bezeichnet ein im öffentlichen Leben der Schweiz verbreitetes Organisationsprinzip. Jede Bürgerin und jeder Bürger, der sich dazu befähigt sieht, kann neben- oder ehrenamtlich öffentliche Ämter und Aufgaben übernehmen.

      Du siehst es gibt noch viel zu tun für dich z.B. Richtung Politik, Partei, öffentliche Ämter etc

      Ich wünsche dir noch einen guten Abschluss und viele spannende Erinnerungen an den Einsatz im Kosovo.  Herzliche Grüsse Röbi

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  1. Liebe Aisha

    Chapeau! Ja, mehr Frauen braucht die schweizer Armee – Du bist ein super Aushängeschild dafür. Um die Breitenwirkung anzukurbeln, denke ich ua an einen Artikel/Interview in einer schweizer Tageszeitung; oder in der deutschen Wochenzeitung ZEIT (dort gibt es ein Doppelseite „Schweiz“). Denn nach wie vor stellt Dein Werdegang ein eher seltenes Phänomen dar. Bis bald im healthy back etc 😍 Pascale

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