Halbzeit – Der Countdown läuft

Halbzeit – Der Countdown läuft

Ich bin jetzt seit drei Monaten im Einsatz. Wahnsinn, wie schnell das ging. Wir haben einen digitalen Countdown eingerichtet, der die Zeit bis zum Ende der Mission anzeigt. Nicht weil wir es nicht erwarten könnten, dass es vorbei ist und wir nach Hause gehen, sondern weil sich bereits jetzt vieles auf den Endspurt ausrichtet.

Nächste Woche beginnen unsere Nachfolgerinnen und Nachfolger in Stans-Oberdorf mit der Ausbildung für das Kontingent 50. Wir planen derweil das sogenannte Bergfest zur Mitte des Einsatzes und die Übergabephase an «die 50er». In den ersten Wochen hat sich alles am Beginn der Mission orientiert, «wir sind jetzt schon x Tage hier», es gab viele erste Male und alles war neu. Plötzlich hat das Ganze ein näher rückendes Enddatum, es heisst «noch x Wochen bis», und ich habe das Gefühl, doch gerade eben erst im Job und im Camp richtig angekommen zu sein.

Vieles ist passiert bisher, manchmal kommt es mir trotzdem vor wie gestern, dass wir in den Flieger gestiegen sind. Meine erste Ferien-Tranche in der Schweiz ist schon wieder drei Wochen her, ich habe die Zeit zuhause sehr genossen. Ich konnte viele Freunde und Teile meiner Familie sehen, hab mir viel zu viel vorgenommen und bin tatsächlich teilweise in «Sozialstress» geraten. Ende Februar stehen nochmal zwei Wochen Ferien an, wenn ich danach in den Kosovo zurückkehre, sind es nur noch wenige Wochen bis Missions-Ende.

Es weihnachtet … nicht

Wie verbringt man die Feiertage in einem militärischen Umfeld? An Heiligabend und am 31.12. gab es im SWISS HOUSE ein gemeinsames Abendessen, Silvester konnte man im Camp im internationalen Rahmen feiern. Da wir kurz vor Weihnachten noch Besuch vom Chef der Armee und einer hochrangigen Delegation aus Politik und Armee hatten, kam bei mir trotz kitschiger Dekoration überall und Weihnachtsliedern in den Verpflegungseinrichtungen vor lauter Arbeit nicht wirklich festliche Stimmung auf.

An zwei Abenden unterstützten Schweizer Kameradinnen und ich in der deutschen «Betreuungseinrichtung» (ja, das heisst wirklich so!). Beide Male wurde das interkulturelle Engagement erst verwundert zur Kenntnis genommen, dann aber gelobt und geschätzt. Meinen Container habe ich mit einem Weihnachtsbaum-Vorhang geschmückt, es gab sehr viele Pakete aus der Schweiz mit Guetzli, Schokolade und Geschenken, und mein Stellvertreter und ich haben uns «Ugly Christmas Sweater» bestellt. Fazit: Es war anders, aber schön.

Habe ich meinen Entscheid in den Einsatz zu gehen bereut? Bisher keinen einzigen Moment. Und doch habe ich in den Weihnachtsfeiertagen zum ersten Mal so etwas wie Heimweh verspürt, als die Lieben daheim zusammen feierten und ich nur per Video zugeschaltet war.

My container is my castle

Nach dem Abendessen verziehe ich mich meist direkt in meinen Container. Im Einsatz arbeitet man nicht nur sechs Tage die Woche zusammen, sondern lebt auch zusammen. Und obwohl ich alle hier sehr schätze merke ich, dass ich abends Zeit für mich brauche. Im Sommer könnte ich mich draussen mit einem Buch hinsetzen und dann ist die Terrasse des SWISS HOUSE quasi das Wohnzimmer. Im Winter gibt es jedoch keine wirklichen Aufenthaltsräume, da bleiben nur der Büro- oder der Schlafcontainer als Rückzugsmöglichkeit. Und so kommt es, dass ich wieder mehr Bücher lese, aber auch Zeit mit Scrollen am Handy verdaddle.

Schon jetzt starten die Überlegungen, wann man welche Gegenstände per Feldpost wieder in die Schweiz schicken sollte, sodass sie ja rechtzeitig ankommen und man mit einigermassen tragbarem Gepäck den Heimflug antreten kann. Jede und jeder hat sich doch im Laufe der Zeit noch einiges im Internet bestellt oder von zuhause schicken lassen, um es möglichst bequem und wohnlich zu haben. Für mich wichtig sind: mein Kissen, private Bettwäsche, meine Heizdecke und ein paar ausgewählte Fotos und Postkarten. Trotzdem ist es erstaunlich, mit wie wenig man auskommt. Nach dem Ende des friedensfördernden Einsatzes werde ich zehn Monate meines Lebens in einem Container verbracht haben. Das zeigt mir, dass ich viel zu viel Kram besitze, den ich eigentlich nicht wirklich brauche. Gut, diese Erkenntnis kann natürlich auch daher stammen, dass sich in meinem Instagram-Feed aktuell nur Ausmist- und Aufräum-Queens und Minimalisten tummeln und ich abends zu viel Zeit auf Social Media verbringe.

Ich bin kurzzeitig versucht, Beiträge im Stil von «Reset my container with me», «get ready with me as an army girl» oder «10 tips how to decorate your container» zu machen, entscheide mich aber dagegen. In einer Übersprungshandlung habe ich aber tatsächlich die Wände meines Containers von oben bis unten abgewaschen. Um 22:00 Uhr 😉

Neues aus der Rubrik «Frauen in der Armee»

Im Fitnesscenter im Camp gibt es neben den klassischen Geräten auch Gruppenkurse. Zum ersten Mal bin ich in einer Pilates-Stunde als Frau in der Unterzahl. Was wahrscheinlich an der prozentualen Verteilung der Geschlechter im Camp generell liegt, aber auch daran, dass die Trainerin wirklich sehr gut aussieht. Zwei Drittel der Teilnehmenden sind Männer, die vorderen Reihen sind heiss umkämpft. Für einen guten Platz muss man tatsächlich ca. 30 Minuten vor Beginn der Stunde da sein, und in «deutscher Manier» seine Matte mit einem Handtuch besetzen.

Rück- und Ausblick

Nach drei Tagen KiC (Krank im Container) wird mir einmal mehr bewusst, wie gut die medizinische Versorgung im Einsatz ist. In unserem Medical Center gibt es neben dem CMO, dem Chief Medical Officer, eine komplett ausgestattete Apotheke, Behandlungszimmer und das Medical Team rund um die Chief Nurse, die gemeinsam mit Angehörigen des österreichischen Bundesheeres für unser Wohl sorgen. Kurz nachdem ich einen Bericht dazu verfasst habe, komme ich selbst in den Genuss der guten Pflege.

Hier zeigt sich der Zusammenhalt im Kontingent. Regelmässig erkunden sich die Kameradinnen und Kameraden nach meinem Befinden und bringen mir das Essen aus den Verpflegungseinrichtungen oder der Kantine mit. Trotzdem bin ich froh, nach drei Tagen wieder einigermassen fit zu sein und mich meinem Job als PIO (Presse- und Informationsoffizier) widmen zu können, den ich wirklich sehr gerne mache.

Apropos Job. Ich habe mir fest vorgenommen, mich erst ab Januar darum zu kümmern, was ich nach dem Einsatz beruflich machen werde. Meinen alten Job musste ich kündigen, weil Ausbildung und Einsatz für unbezahlten Urlaub zu lange waren.

Immerhin habe ich einen Plan bezüglich meiner weiteren militärischen Laufbahn: Die Bewerbungsunterlagen für die Einteilung in die Milizarmee sind abgeschickt. Mir werden sehr spannende Funktionen angeboten, ich führe einige interessante Gespräche und stelle fest: Wenn die zivile Jobsuche auch nur halb so gut läuft, muss ich mir um die Zeit nach Mai 2024 keine Sorgen machen. Das bedingt aber, dass ich mir langsam Gedanken darüber mache was ich will – und vor allem was ich nicht will, und mich entsprechend auf dem Arbeitsmarkt umschaue. Aber das neue Jahr ist ja noch jung!

In diesem Sinne: Fachof Seitz häsibe (hält sich bereit) für alles, was da 2024 kommen mag.

Weitere lustige Abkürzungen

SBG: Kannte ich bisher nur vom Hörensagen. Heisst «Suchen bis gefunden» und wird absolut ernst genommen. Kaputte Sachen kann man in der Armee immer umtauschen, aber verlieren geht gar nicht.

4 Gedanken zu „Halbzeit – Der Countdown läuft

  1. Hallo Nadine,
    hast Du eigentlich Deinen eigenen Container, oder musst Du den mit jemandem teilen?
    Ich hab mir sagen lassen, dass Du den nettesten Mitbewohner nach ein paar Wochen töten willst.
    Ich selbst wüsste nicht wie ich das aushalten soll.
    Privatsphäre ist schon eine nette Sache.

    Viele Grüße und noch a guts Nuis.

    Jürgen

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