Wir sind im Eirm. Nicht im Eimer, sondern im Einsatzraum. Im internationalen NATO-Umfeld prasseln neben den zahlreichen deutschen militärischen Abkürzungen jede Menge neue Buchstabenreihen auf mich ein.
Mit grossen Augen sitze ich teilweise in Rapporten = Meetings = Sitzungen und frage mich, wovon zur Hölle die Kameradinnen und Kameraden gerade sprechen. Um das Ganze noch lustiger zu gestalten, gibt es bei den Abkürzungen kein erkennbares System. Manchmal werden alle Worte abgekürzt, manchmal von einem Wort 2 Buchstaben genommen (nicht unbedingt die ersten, ist ja klar) und manche Worte werden einfach ausgelassen.
Der Kontakt zu den Angehörigen der anderen KFOR-Nationen, die hier stationiert sind, ist professionell und freundlich. Auch die Bevölkerung tritt uns Schweizerinnen und Schweizern in Uniform stets sehr wohlwollend entgegen. Oft werden wir auf Schweizerdeutsch angesprochen, wenn jemand das Schweizerkreuz auf der Uniform entdeckt. Manchmal bedanken sich sogar Passanten für unseren Einsatz in ihrem Land. Kurz gesagt: Ich fühle mich wohl und habe meinen Entschluss bisher keine Sekunde lang bereut.
Das Leben im Camp
Insgesamt sind die ersten Wochen wie im Flug vergangen. Ein internationales Armee-Camp, in meinem Fall das KFOR-Hauptquartier, hat seine Besonderheiten, ist aber äusserst spannend. Es gibt eine gute Kantine und mehrere Restaurants, ein Fitnessstudio mit Sauna und sogar die Möglichkeit, eine Massage zu buchen. Konturen-Schneiden beim Friseur kostet sogar für mich als Frau mit Kurzhaar-Frisur nur EUR 5. Und tatsächlich gehe ich ab und zu joggen.
Gewöhnungsbedürftig ist die 6-Tage-Woche. Der freie Sonntag (Day off) wird zum Luxus und ich versuche, diesen Tag so gut wie möglich zur Erholung zu nutzen. Wenn das Heimweh zuschlägt, gibt es Raclette und Chäsfondue mit Schweizer Käse und Weisswein im SWISS HOUSE, einer echten Institution im Camp, die auch bei allen anderen Nationen sehr beliebt ist.
Auch gewöhnungsbedürftig: die Ansprache mit Funktionen statt Namen. Ich bin einfach die PIO, der Presse- und Informationsoffizier. So melde ich mich am Telefon, so begrüssen mich die Kameradinnen und Kameraden und so steht es auf allen Schildern im Schweizer Compound. Selbst auf dem – Achtung Schweizer Insider – Waschplan schreibe ich mich so ein. Ja, Waschplan. Für die Benutzung der Waschmaschinen und Tumbler schreibt man sich in eine Liste ein, wie das in Mietshäusern in der Schweiz üblich ist. Was mir nach einigen Monaten Militärdienst auffällt, besonders am Waschtag: Die Vor- und Nachteile von Klettverschlüssen, die sich überall an der Uniform und der Ausrüstung befinden.
- Der Vorteil: Es klettet. Natürlich sind die Verschlüsse schnell, einfach und einhändig zu bedienen.
- Der Nachteil: Es klettet. Im Privatleben meide ich Klettverschlüsse wie der Teufel das Weihwasser. Denn es klettet alles Mögliche daran. Meine Armee-T-Shirts und -Unterhosen (genau, die für Frauen) sehen bereits nach kurzer Zeit uralt aus, weil überall Fäden gezogen sind und sich Knötchen und Fusseln bilden (Fachbegriff «Pilling», musste ich googeln.).
Cats of Kosovo
Eine der grössten Herausforderungen bisher: Keine der jungen Katzen im Camp anfassen. Denn die sind nicht geimpft oder entwurmt, aber unfassbar putzig. Auch ausserhalb gibt es auffällig viele streunende Tiere, vor allem Hunde jeder Rasse und Grösse.


Als Doppelbürgerin in der Schweizer Armee
Den deutschen und österreichischen Kameradinnen und Kameraden fällt auf, dass sie mein «Schweizerdeutsch» sehr gut verstehen 😊 Schnell kommt die Frage auf, wie ich mit einem so astreinen Hochdeutsch in der Armee gelandet bin. Mögliche Antworten:
- Die patriotische: Ich wollte nicht nur die Rechte, sondern auch die Pflichten einer Schweizer Staatsbürgerschaft wahrnehmen.
- Die professionelle: Ich wollte schon lange mal wieder was Sinnvolles, Internationales machen.
- Die ehrliche: Anfangs war es als Spass gedacht. Wie ich auf die Idee kam, habe ich in einem der ersten Blog-Beiträge geschildert.
Mein Hochdeutsch hat auch sein Gutes. Bei einem Auftritt als Moderatorin meint ein Ausbildner: «Bei Ihnen muss man sich wenigstens keine Sorgen um die Sprache machen.» Ich überlege kurz, ob das ein Kompliment ist oder eine Beleidigung, entscheide mich aber für die erste Interpretation. Da wir französisch- und italienischsprechende Personen im Kontingent haben, ist die gemeinsame Sprache sowieso oft Hochdeutsch.
Neues aus der Rubrik «Frauen in der Armee» – der Sport-BH
Flashback zurück in den Ausbildungskurs: Lehrsaal, gemischtes Teilnehmerfeld, (zum Glück) sommerliche Temperaturen. Um mögliche Verletzungen zu finden, muss man das Gegenüber genau untersuchen. In unserer Gruppe sind wir nur 2 Frauen, und uns wird geraten: «Ziehen Sie doch einen Sport-BH an, dann sind Sie entspannter!» Abgesehen davon, dass es keine offiziellen Armee-BHs gibt, ist die Wahl meiner Unterwäsche und meine Entspanntheit immer noch meine Sache. Im Notfall wäre es mir ehrlich gesagt auch wurscht, wie die Person, die gerade versucht mich zu retten, meinen BH findet. Der Spruch «Hast du keinen Sport-BH an??? Du bist so unentspannt …» ist auch bei den männlichen Kameraden mittlerweile ein Klassiker.
Mehr noch als die Frage nach der passenden Unterwäsche beschäftigen mich allerdings die langsam fallenden Temperaturen. Wir hatten einen wahrhaft goldenen Oktober mit viel Sonne. Nun wird es langsam kühl und ich sitze im Büro mit Tee und Keksen/Guetzli, den Feldpost-Päckchen aus der Heimat sei Dank. Bald geht es für mich bereits das erste Mal für zwei Wochen zurück in die Schweiz, quasi auf «Heimaturlaub». Ich freue mich auf viele Wiedersehen und mein eigenes Bett!
Fachof Seitz geht jetzt ganz entspannt im Sport-BH in den Day Off mit Container putzen und Wäsche waschen
PS: Nachtrag zum letzten Beitrag. Das old Spice Deo «Captain» aus dem Begrüssungspaket passt wenigstens zu meinem Grad, ich bin Fachoffizier im Rang eines Hauptmanns, englisch «Captain». Auf unserem Namensschild steht allerdings nur der berühmte Spec Of, der Specialist Officer. Im internationalen Umfeld spielt der Grad je nach Position tatsächlich eine grosse Rolle. Das habe ich gelernt, aber dazu ein andermal mehr.

liebe Aisha, sehr interessantes Sittenbild, das Du hier malst. Bin beeindruckt!
Passt auf Euch auf und komm heil wieder.
Herzliche Grüsse
Pascale
PS: während der Teilmobilmachung der CH Armee in der Corona Zeit, musste unser Sohn mit seinen Kameraden einen Grenzabschnitt im Jura konzrollieren. Gerade die langen Nachtwachen wurden durch ein zutrauliches Kätzchen, das stets gefüttert werden wollte, verkürzt.
PS: habe was Kleinrs für Dich der Feldpost übergeben; hoffe es kommt noch an bei Dir.
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Liebe Pascale, da bin ich natürlich sehr gespannt auf die nächste Feldpost-Lieferung! 🙂 Und ja, Tiere sind stets eine willkommene Abwechslung.
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Liebe Aisha, in einem Wort: Respekt!
Ich hoffe, Ihr kommt gut durch den Winter. Statt Old Spice empfehle ich zu dieser Jahreszeit (garantiert genderneutral) spicy Glühwein 🧑🎄
Alles Gute und liebe Grüße aus dem verschneiten Oberbayern,
Andreas
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Lieber Andreas
Herzlichen Dank! Den Tipp mit dem Glühwein werde ich mir nach meinem Heimaturlaub zu Herzen nehmen, wenn die Feiertage im Camp nahen 😉
Liebe Grüsse
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