Freiwillig in die Armee – Wer macht denn sowas?!?

Freiwillig in die Armee – Wer macht denn sowas?!?

Bisher habe ich mich noch gar nicht zu der Gruppe geäussert, in der ich insgesamt fünf Wochen verbracht habe.

Begonnen haben 36 bunt zusammengewürfelte Menschen – davon 29 Frauen, die sich für eine Friedensmission beworben haben. Und sieben Armee-Seelsorger (Asg): Fünf Frauen, zwei Männer. Männer in der Unterzahl, aktuell eine eher seltene Situation in der Schweizer Armee!

Unter Asg konnte ich mir zuerst nicht wirklich etwas vorstellen. Auch hier die Frage «Wer macht denn sowas?». Meine Befürchtung: ältere, konservative und übereifrig-missionarische Gestalten. Aber ganz im Gegenteil, sie haben einen grossartigen Groove mitgebracht, jung, modern, weltoffen. Leider verlassen sie uns nach drei Wochen AGA bereits wieder (den tränenreichen Abschied und die schöne Abschlusszeremonie, die selbst mich als nicht besonders gläubigen Menschen extrem berührt hat, rede ich absichtlich klein, um den professionellen Eindruck zu wahren 😊). Wir anderen starten das Fahrtraining – mit den männlichen Kameraden des 48. Kontingents.

Zu den übrigen Frauen: Eine spannende Mischung! Altersmässig zwischen Anfang 20 und Anfang 50, sind die unterschiedlichsten Profile dabei. Von der Hebamme über die Juristin, Rettungssanitäterin, Polizistin, Grenzwächterin, Logistikerin, Automechanikerin und Lehrerin – auch die späteren Jobs im Einsatz sind vielfältig. Kleiner Eindruck gefällig? www.peace-support.ch Die Motivationen für die Bewerbung für die SWISSCOY sind dabei so individuell wie die Lebensgeschichten und Erfahrungen. SWISSCOY, kurz für Swiss Company, ist der Verband der Schweizer Armee zur Unterstützung der Kosovo Force (KFOR).

Die meisten Kamerad:innen gehen schon im April 2023 gemeinsam mit weiteren AdAs (Angehörige der Armee) in den Einsatz. Da ich erst im Sommer den zweiten Teil der Ausbildung mache, wird es für mich eine neue Gruppe (49. Kontingent) geben. Aber dieses Mal bin ich die, die sich ein bisschen auskennt, schon in Uniform einrückt und zumindest ansatzweise weiss, wie es läuft.

Und hier als Fortsetzung des letzten Beitrags weitere Vorurteile:

Vorurteil 2: Es wird immer kommandiert und geschrien

Falsch. Der Umgangston ist bestimmt, aber höflich und respektvoll. Es ist eine Erwachsenenausbildung, und wir sind alle freiwillig dort. Natürlich werden Befehle gegeben und befolgt, aber es gibt keine Spielchen und keine Schikane. Ich bin normalerweise kein Fan von Hierarchien, klare Zuständigkeiten und Entscheidungswege sind aber sinnvoll. Im Krisenfall bleibt keine Zeit für grosse Diskussionsrunden, Abstimmungsmeetings und Schweizer Kompromisse.

Vorurteil 3: Es wimmelt nur so von Abkürzungen und Fachbegriffen

Absolut richtig. Sobald man sich daran gewöhnt hat, ist es wie in jedem Job. Es gibt eine eigene «Sprache» und die entsprechenden Fachtermini. Warum aber es Gnägi (Rollkragenpulli), Flauschi (der innere Teil vom Schlafsack), Mutz (die Schirmmütze) oder Teddy (die Fleece-Jacke) heisst, hat sich mir bis zuletzt nicht erschlossen. LüGa zum Beispiel (Leuchtgamasche für das Hosenbein) funktioniert nur auf Schweizerdeutsch (Lüchtgamasche) 😀 Bald schon erwische ich mich dabei, selbst den «Slang» zu sprechen.

Auflösung zum Gnägi (unter «Sonstiges»): Rudolf Gnägi – Wikipedia

Vorurteil 4: Im Militär findest du Freunde fürs Leben (Von Freundinnen war nie die Rede!)

Richtig. Viele «Räubergeschichten» männlicher Bekannter über die viel gerühmte Kameradschaft und lebenslange Freundschaften kann ich mittlerweile nachvollziehen.

Wenn man als Gruppe vor ähnlichen Herausforderungen steht entwickelt sich schnell ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und man bildet quasi eine Schicksalsgemeinschaft – auch wenn das in unserem Fall freiwillig geschieht. Natürlich gibt es auch hier Personen, mit denen man besser auskommt als mit anderen. Aber wo sonst findet man so viele Menschen aus verschiedenen Berufen, Landesteilen und Sprachregionen aber einem gemeinsamen Ziel auf einem Haufen? Sogar mein Französisch wird wiederbelebt, weil wir Romands in der Gruppe haben.

Vorurteil 5: Dieser Blog ist doch bezahlte Werbung!

Falsch. Die Beiträge sind zwar mit SWISSINT abgestimmt, aber nicht zensiert. Und auch ich hatte Momente, in denen ich mir dachte: «Muss ich mir das mit 45 Jahren echt antun?»: Insgesamt bin ich von der Idee der Friedensmission der SWISSCOY noch überzeugter als zu Beginn und stehe voll zu meiner Entscheidung. Auch die Reaktionen in meinem Umfeld waren fast durchgehend positiv. Dazu aber ein andermal.

Fehlt ein Vorurteil? Schreibt einen Kommentar oder meldet euch über euren Lieblingskanal.

4 Gedanken zu „Freiwillig in die Armee – Wer macht denn sowas?!?

  1. Liebe Aisha,
    Danke für die interessanten Ausführungen. Etwas kommt mir dabei in den Sinn: die Kameradschaft. In der regulären RS wie auch im WK wird diese meist auch von den Vorgesetzten hoch gehalten. Erst im Truppenverband/Zug wird realisiert, dass man sich mit den unterschiedlichsten Menschen quasi in einer Schicksalsgemeinschaft wiederfindet und gemeinsam Befehle zu befolgen hat. So ist der eine sportlich und gross der andere wiederum eher der Akademiker Typ, etc. Kartenlesen und exakte Orientierung von der einen Geländekammer in die nächste übernimmt in der Regel der letztere; wohingegen ihm auf dem 50 km Marsch (nahe an der Erschöpfungsgrenze) von einem Kameraden der Rucksack getragen wird, sodass ALLE gemeinsam ans Ziel kommen.

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  2. Liebe Pascale
    Das kann ich unterschreiben! Diese „Arbeitsteilung“ war schon in der relativ kurzen Zeit der Allgemeinen Grundausbildung sicht- und spürbar. Laut meiner Kameradin habe ich dabei eher den Part der Akademikerin übernommen 🙂

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  3. Liebe Aisha
    Deine Kommentare, neudeutsch Blog, zur Ausbildung als Fachoffizieren für den KFOR Einsatz haben mir sehr gut gefallen. Toll wie du dich auf dieses „Abenteuer“ eingelassen hast und deinen inneren Schweinehund überwunden hast. Sorry mir ist keine bessere Formulierung eingefallen.
    Ich habe etwas mehr als 1000 Diensttage unter der TO ( Truppenordnung ) 61 von 1971- 1987.
    Damals hatte wir über 800’000 AdA, 380 Leo87 und etwa 280 Kampfjets ( Hunter,F5, Mirage lll ) ich war im Stab eines Pz Batt. Die Zeiten haben sich geändert, ebenso die Budgets für die Armee.
    Ich drücke die Daumen für deine nächste Ausbildung und ganz besonders für die Zeit im Kosovo.
    Röbi

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  4. Lieber Röbi
    Ich stimme dir zu – die Zeiten, die Ausrüstung und die Armee selbst haben sich verändert. Was sicher gleich geblieben ist: eine solche Erfahrung kann einem niemand mehr nehmen. Ich bin gespannt und freue mich auf den weiteren Weg!

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